“Babys bereiten Schülern Stress und schlaflose Nächte” :: Der Patriot

Für drei Tage lernten diese Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 9 der Sekundarschule, das Babys nicht allein nur niedlich sind, sondern große Verantwortung verlangen und das Leben total verändern.  

Für drei Tage lernten diese Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 9 der Sekundarschule, das Babys nicht allein nur niedlich sind, sondern große Verantwortung verlangen und das Leben total verändern. Foto: Görge, Der Patriot, 04.02.2017

Von Michael GÖRGE

ANRÖCHTE Ein lautes Babyweinen unterbricht plötzlich das Gespräch. Sascha steht auf, nimmt das “Kind” liebevoll auf den Arm und streichelt es. Schnell ist dem Schüler der Sekundarschule Anröchte/Erwitte klar, der Nachwuchs hat nicht die Hosen voll oder muss ein Bäuerchen machen. Nein! Jetzt hilft nur das Fläschchen gegen den Hunger. Die lebensechten Babypuppen sind „die“ Hauptdarsteller des Unterrichtsprojektes „UPS! – Ungeplant Schwanger“, dass die Sekundarschule derzeit speziell für die Jugendlichen, die im Alter von 14 bis 16 Jahren sind, anbietet, die die Jahrgangsstufe 9 besuchen. Umgesetzt wird das Projekt vom gemeinnützigen Verein G.I.P. – Gewaltintervention und -prävention Werl, stellten Schulleiter Michael Hennemann und seine Stellvertreterin Carola Pichmann heraus.

Die Unterrichtsreihe, drei Tage, basiert auf der Tatsache, dass sich das Sexualverhalten der Jugendlichen geändert hat. Primär lernen die Schülerinnen und Schüler der fünf Neuner-Klassen, was sich gravierendes in ihrem Leben ändert, wenn sich ungeplant ein Kind „anmeldet“. Denn von diesem Moment an, ändern sich schlagartig das ganze Leben der Jugendlichen und alle Perspektiven dafür.

Schülerin Julia kommentierte, dass bei dem Projekt vor Augen geführt wird, dass ganz schnell alles anders ist; wie eigentlich geplant. Außerdem berichteten die Jugendlichen, dass ihnen zudem aufgezeigt wird, wie sich dann ein neuer Tagesablauf gestaltet und welch große Verantwortung sie für ein Kind tragen müssen. So befand Till: „Man merkt schnell, was plötzlich alles anders ist!“

Dagmar Jäckel und Ines Schmittke, die das G.I.P.-Projekt leiten, flankiert von den Schulsozialarbeiterinnen Bettina Obermeier und Claudia Schubert, sprechen aber auch u.a. die Themen Berufswegeplanung, die verschiedenen Verhütungsmethoden und ganz wichtig, die neue Verantwortung, Partnerschaftsbeziehung und häusliche Gewalt an. Ebenso erfahren die Jugendlichen, die mit großer Aufmerksamkeit an dem Projekt teilnehmen, wo sie, wenn etwas unerwartetes passiert ist, Hilfe und Beratung finden. „Wir wären dann nicht allein!“ so ein Schüler.

Die Säuglingspuppen zeigen den „Eltern auf Zeit“ auf, wie viel Verantwortung, Zuwendung und Zeit ein Kind, auch wenn es noch so niedlich ist, einfordert. Die Puppen melden sich nämlich mit Weinen, wenn sie gefüttert, gewickelt oder geliebt werden möchten. Dafür sind sie mit elektronischen Chips- und Sensoren ausgestattet.

Diese dokumentieren genau, wie sich die „Mütter“ und „Väter“ um sie kümmern. Aufgezeichnet wird ebenso, wenn die Simulations-Kids falsch angefasst oder zu sehr geschüttelt wurden. Alles wird erfasst. Dabei helfen spezielle Chiparmbänder, die die Schüler an den Handgelenken tragen müssen. Dies rund um die Uhr.

Die Chips sind so programmiert, dass die ihre vermeintlichen Eltern mitunter bis zu drei Mal in der Nacht wecken, um versorgt zu werden. Auch gibt’s die Intervalle für Tagsüber.

„Das artet schon in richtigen Stress und schlaflose Nächte aus“, wissen die Neuner schon am Tag 2 des Projekt.

So nah spiegeln die Puppen deutlich die Realität wider. Wichtig ist besonders, beschrieb Dagmar Jäckel im Gespräch mit unserer Zeitung, dass die Schülerinnen und Schüler die drei Tage und die zwei Nächte für „ihr Kind“ allein die Verantwortung tragen. Darüber hinaus lernen die Jugendlichen durch „Ups!“ gleichzeitig, welche Voraussetzungen sie als Eltern überhaupt mitbringen müssen.

Die Schulleiter Michael Hennemann und Carola Pichmann zeigten sich froh und dankbar, dass der Kreis Soest und die Schwangerschafts-Konfliktberatung in Lippstadt „Ups!“ in der Sekundarschule finanziell unterstützen. Erklärtes Ziel der Schule ist es, das Projekt auch in den nächsten Jahren für die Neuner anzubieten. Dies ist aber nur zu erreichen, wenn sich weitere Sponsoren finden. Das Geld wäre sicher sehr gut angelegt.

Mit freundlicher Genehmigung: (c) GÖRGE, Der Patriot

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