“Brille holt Berufe ins Klassenzimmer” :: Der Patriot

Anröchte/Erwitte – Der erste Tag im Betrieb ist oft wie ein Sprung ins kalte Wasser. In die Berufswelt abgetaucht sind jetzt auch die Neuntklässler der Sekundarschule Anröchte/Erwitte, allerdings auf eine virtuelle Art und Weise. Mit sogenannten VR-Brillen konnten sie sich in Betrieben umsehen, ohne das eigene Klassenzimmer zu verlassen.

Von Hannah Löseke

„Hallo und herzlich willkommen“, sagt eine freundliche Stimme. „Heute ist dein erster Tag im mittleren Dienst an der Polizeiakademie in Berlin.“ Das Wetter ist diesig, und du betrittst mit anderen Polizeischülern die Akademie. Theoretisches Situationstraining im Klassenzimmer, Laden einer Maschinenpistole inklusive Rüttelprobe in der Turnhalle, Umgang mit Handfesseln oder eine Durchsuchung Verdächtiger: Stets blickst Du in die Gesichter anderer Polizeischüler (die dich auch mal direkt nach einem Kaffee fragen), du drehst den Kopf und siehst (anders als in einem normalen Video), wie sich auch in deinem Rücken Kollegen bei der einsatzbezogenen Selbstverteidigung abrollen oder erblickst das Trefferbild ihrer Schießübung.

Und wer dir bei diesem „Abenteuer“ zusieht, muss vielleicht ein bisschen grinsen – denn eigentlich sitzt du mit einem klobigen Gegenstand auf der Nase im Klassenraum der Sekundarschule: einer VR-Brille.

„Irgendwie habe ich einen Flyer davon in die Hand bekommen“, berichtet Studien- und Berufsorientierungslehrerin Sonja Niggemeyer. „Dein erster Tag“ stand darauf: Virtuelle Betriebserkundungen direkt an Ihrer Schule. Berufsorientierung in der dritten Dimension dank 360-Grad-Videos. Niggemeyer bestellte einen Satz für die Neuntklässler der Sekundarschule; als kostenlose, aber effektive Unterstützung für die Berufswahl. Drei Tage lang begeisterte das Projekt mit drei VR-Brillen die Schüler. „Jungs sind ja grundsätzlich eher verhalten“, sagt Niggemeyer. „Aber hierbei habe ich nur positive Reaktionen erlebt.“ Besonders beliebt? Die Polizeiberuf, weiß die Lehrerin. Aber auch jener als Pflegefachkraft, Erzieher und Mechatroniker. Die Polizei soll’s bei Mohammed, Elisabeth, Elvin und Jonas aber nicht werden. Sie entscheiden sich für Apotheke, Altenpflege, Mechatronik und Flugsicherung. Mit einem „Joystick“ auf dem virtuellen Display wählen sie die Berufe aus, wie ein grünes Laserschwert erscheint die Anzeige im Sichtfeld.

Zu Besuch bei

Hella in Bremen

„Dreht euch ruhig um“, erklärt die Lehrerin. „Hinter euch passiert auch was. Das ist total irre.“ So macht Berufsorientierung Spaß. Aber es ist auch ein komisches Gefühl, so ein Kribbeln, findet Elisabeth. Aber was sie sieht, findet sie super: Wie die Altenpfleger mit den Menschen umgehen sind, wie der Tagesablauf einer Altenpflegekraft aussieht. Bald wird sie das hautnah erleben, in ihrem Praktikum. Dass das die richtige Entscheidung war, hat das Video ihr bestätigt. Auch Elvin betont, dass er etwas gelernt hat: „In den drei Minuten sieht man viel.“ Er hat beim Automobilzulieferer Hella hereingeschnuppert – allerdings in das Werk in Bremen. Nur: „Es ist ein bisschen komisch, das man nicht antworten kann“, sagt er lachend.

„Das war so echt“, sagt Jonas derweil begeistert. Vom Beruf des Flugsicherungsingenieurs wusste er vorher nicht viel, kann sich jetzt aber mehr darunter vorstellen. Was er später werden möchte? Noch unklar. Deshalb möchte er durch die Brille mehr ansehen – und kann das am Nachmittag auch.

Für die Sekundarschule sind die VR-Brillen eine Premiere. Insgesamt hat der Berliner Anbieter aber schon mehr als 1300 Schulen beliefert – darunter drei in Lippstadt, nämlich Edith-Stein-Realschule, Gesamtschule und das Gymnasium Schloss Overhagen. In Anröchte sind sie auch nicht zum letzten Mal, verspricht Niggemeyer. Derweil steht aber schon das nächste Projekt in den Startlöchern: In dieser Woche schnuppern die Mädchen und Jungen in den Truck der Metall- und Elektroindustrie.

„Dein erster Tag“

Das Studio2B (Berlin) dreht für das Projekt „Dein erster Tag“ 360-Grad-Filme und stellt diese deutschlandweit interessierten Schulen bereit – kostenlos und mitsamt der VR-Brillen. So lernen junge Menschen vor allem Berufswege, aber auch Unternehmen kennen. Firmen bietet sich so (kostenpflichtig) die Chance, die Türen ihrer Produktion, der Büros oder Betriebsstätten digital zu öffnen und sich zukünftigen Fachkräften vorzustellen. Auf der Homepage gibt es einen Eindruck von den Videos.

www.deinerstertag.de

Mit freundlicher Genehmigung: Der Patriot – (c) Lösecke

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