“Rollstuhlmodel gegen Rechts” :: Der Patriot

ANRÖCHTE / ERWITTE    „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ – mit diesem Titel wird die Sekundarschule Anröchte/Erwitte am 18. September ausgezeichnet. Ein besonderer Anlass, für den eine namhafte Person als Patin gewonnen werden konnte: das Rollstuhlmodel Nina Wortmann aus Anröchte. Sie spricht über Rassismus, ihre erfolgreiche Karriere und wie sie trotz Rollstuhl ein glückliches Leben führt, womit sie anderen behinderten Menschen Mut machen möchte.

Nina Wortmann gilt in Deutschland als lebensfrohe Botschafterin für ein Leben im Rollstuhl. Und engagiert sich mit der Patenschaft nun auch gegen Rassismus: „Ich finde, so etwas sollten viel mehr Menschen tun, die etwas erreichen können“, meint die 37-Jährige im Gespräch mit dem Patriot.

Gerade aktuell sieht sie die Notwendigkeit, gegen Rassismus das Wort zu erheben: „In der Politik herrscht gerade ein schlimmes Ungleichgewicht. Der Populismus nimmt immer mehr zu. Ob Weiß, Schwarz oder behindert – es sind doch alles Menschen, die nicht ausgegrenzt werden dürfen“, sendet sie ein starkes Statement. Mit Sorge verfolgt die Anröchterin die Flüchtlings-Situation in Europa: „Dass ein Schiff in Italien mit kranken Flüchtlingen an Bord – darunter viele Kinder – nicht anlegen darf, das kann nicht sein.“ Sie appelliert dafür, diese Menschen in Deutschland mit offeneren Armen zu empfangen, „denn, wenn uns das passiert, was die Menschen etwa in Syrien an grausamen Dingen erleben, würden wir auch fliehen“. Für sie war es deshalb eine Selbstverständlichkeit, sich als Patin für die Sekundarschule zur Verfügung zu stellen.

„Wie plötzlich Prinzessin“

Nina Wortmann gilt in Deutschland als das gefragteste Rollstuhl-Model. Fashion Week, Fernseh-Auftritte (etwa in der Sendung „Das perfekte Model“ mit Eva Padberg auf Vox), Shootings für Mercedes oder die „Aktion Mensch“, Botschafterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes im Jahr 2013: bereits der kleiner Auszug aus ihren Aufträgen und Auftritten zeigt, wie angesagt Nina Wortmann ist. „Das Modeln ist eines meiner schönsten Hobbys geworden“, erzählt sie mit Begeisterung, „wie plötzlich Prinzessin – eine andere Welt, der Ausbruch aus dem Alltag.“ Viele interessante Persönlichkeiten habe sie dadurch kennengelernt, darunter auch bekannte Gesichter wie Bruce Darnell oder Guildo Horn. „Das sind aber auch alles nur Menschen.“

Zum Modeln gekommen ist sie nach ihrem schlimmen Schicksalsschlag, der ihr Leben komplett auf den Kopf stellte. Im April 2003 hatte Nina Wortmann mit ihrer Tochter Scarlett, damals zwei Jahre alt, einen schweren Autounfall und ist seitdem querschnittsgelähmt.

„Ich habe damals auf der Intensivstation gelegen und geglaubt, meine Tochter ist tot. Als ich die Kleine gesehen habe, der wie durch ein Wunder nichts passiert ist, habe ich beschlossen, ab sofort einfach glücklich zu sein“, erinnert sie sich an die schwerste Zeit und den Moment, an dem sie sich vornahm, das Leben anzunehmen, wie es ist. Mit diesem Antrieb kämpfte sich die Anröchterin im Rollstuhl, auch durch die Unterstützung von Familie und Freunden, zurück ins Leben. Zur Zeit des Unfalls wollte Nina Wortmann eigentlich ihren Partner Sven heiraten. Die Hochzeit holte das Paar nach – ausgerechnet an einem Freitag den 13. Mit Tochter Scarlett, mittlerweile 18 Jahre, modelt sie hin und wieder gemeinsam.

Nina Wortmann wirkt glücklich und strahlt unglaubliche Lebensfreude aus. Damit macht sie anderen Menschen mit Behinderung Mut. „Ich kann mich zwar nicht bewegen, aber die Welt bereisen, auf Konzerte gehen und Sport treiben.“ Sie modelt nicht nur, sondern spielt Rollstuhl-Rugby in Paderborn.

„Inklusion fängt
bei mir an“

Ihr Lebensmotto lautet: „Was nicht passt, wird passend gemacht.“ Damit kämpft sie gegen das alte Muster, dass Behinderung mit Mitleid verbunden wird und freut sich, dass es immer mehr Menschen wie sie gibt, „die mit Handicap in die Öffentlichkeit gehen und zeigen, dass sie trotzdem glücklich sind und sich wohl fühlen“. Andererseits kann sie es nicht hören, wenn Rollstuhlfahrer schimpfen, das etwa eine Treppe in einem älteren Haus nicht behindertengerecht ist: „Inklusion fängt doch bei mir selbst an. Ich bitte dann einfach andere, mir zu helfen. Je offener wir Menschen mit Behinderung auf ‚Normalos‘ zugehen, desto geringer ist die Hemmschwelle – und Berührungsängste werden abgebaut.“

Mit solch klaren Worten wird sich das Rollstuhlmodel nun als Patin der Sekundarschule Anröchte/Erwitte gegen Rassismus einsetzen und ist mit ihrer Courage für diese Aufgabe sicher die perfekte Wahl.

Mit freundlicher Genehmigung: (c) THEIS, Der Patriot
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