„Tamil ist ein Teil meiner kulturellen Identität“ :: Der Patriot

„Tamil ist ein Teil meiner kulturellen Identität“ :: Der Patriot

Erwitte/Anröchte – Etwa 6500 Sprachen gibt es noch auf unserer Welt. Die UNESCO aber schätzt, dass rund 3000 von diesen vom Aussterben bedroht sind. Veernuga Maharajah befürchtet, dass ihre Muttersprache eine davon sein könnte. Denn die junge Frau, die seit etwa zwei Wochen als Vertretungslehrerin an der Sekundarschule Anröchte/Erwitte arbeitet, ist neben Deutsch auch mit Tamil aufgewachsen.

Die Eltern der 26-Jährigen stammen aus Sri Lanka. Sie selbst kennt die Inselnation südlich von Indien nur von ein paar wenigen Besuchen bei den Verwandten. Maharajah ist in Meschede aufgewachsen. „Ich bin quasi die erste Generation in Deutschland.“

Zu Hause habe sie mit ihren Eltern Tamil sprechen müssen. Auch sei die tamilische Community in Meschede recht groß. Im Gegensatz zum Beispiel zu Paderborn, wo sie nun lebt und zurzeit auch noch studiert. In der Stadt im Sauerland gebe es daher eine tamilische Schule, die die junge Frau in ihrer Kindheit an den Wochenenden besucht hat. „Wenn ich mich in Meschede mit meinen tamilischen Freunden treffe, dann wechseln wir auch manchmal zwischen den beiden Sprachen hin und her“, erzählt sie.

Trotzdem hat Maharajah die Befürchtung, dass die Sprache aussterben könnte – zumindest bei den vielen Tamilen, die im Ausland leben. „Viele verlernen es“, sagt sie. Besonders bei der ihr nachfolgenden Generation sieht sie die Gefahr. Die Kinder ihrer Generation müsste schließlich kein Tamil mehr sprechen, um mit den Eltern reden zu können.

Und ob die jungen Leute freiwillig am Wochenende die tamilische Schule besuchen werden, hält sie auch für fragwürdig. Sie selbst habe als Kind wenig Lust gehabt, jeden Samstag von 10 bis 14 Uhr die Schulbank zu drücken. „Heute bin ich froh, dass ich es gemacht habe.“

Viele Tamilen würden außerdem glauben, dass sie die Sprache einfach nicht mehr brauchen, weil sie nicht gefragt sei. Für sie sei es wichtiger, Englisch oder Deutsch zu lernen. „Sie glauben, dass sie damit weiterkommen.“ Das habe Maharajah besonders auch in Ländern wie England und Kanada beobachtet. „Dort leben viele Tamilen.“

Die Kultur der tamilischen Sprache sollte aber bewahrt und weitergegeben werden, findet sie. Schließlich sei die Sprache einzigartig, mit ihrem ganz eigenen Alphabet.

Maharajah sieht Tamil ebenfalls als Teil ihrer kulturellen Identität. Denn auf den ersten Blick sehe sie nun mal nicht aus wie eine Deutsche. „Ich muss immer erst erklären, dass ich Deutsche bin, weil ich hier aufgewachsen, zur Schule und zur Uni gegangen bin“, sagt sie.

Schon aus diesem Grund sei ihre Identität zu einem großen Teil auch von dem Tamilischen geprägt. Für sie sei es also eine Art Identitätsverlust, wenn sie die Sprache nicht mehr beherrschen würde. „Ich bin stolz darauf, Tamil sprechen zu können.“

Sie appelliert an die jungen Tamilen, die bereits im Ausland geboren sind, ihren Kindern trotzdem die Muttersprache ihrer Eltern und Vorfahren beizubringen.

Veernuga Maharajah würde sich das selbst einmal für ihre eigenen Kinder wünschen. Außerdem wisse sie aus eigener Erfahrung, dass es gut ist, zweisprachig aufzuwachsen. „Ich glaube, es fällt einem dann viel leichter, noch weitere Fremdsprachen zu lernen.“

Die Sprache Tamil

Tamil ist eine Sprache, die von den etwa 85,2 Millionen Angehörigen des Volkes der Tamilen vor allem im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu und in Sri Lanka als Muttersprache gesprochen wird. Mit einer Geschichte von über 2000 Jahren hat das Tamil die längste durchgängige Tradition aller modernen indischen Sprachen. Durch die Kolonialzeit gelangten auch viele Tamil-Sprecher nach Malaysia, Singapur, Réunion, Mauritius und Südafrika. Unter anderem infolge des Bürgerkriegs in Sri Lanka sind zudem viele Tamilen seit dem 20. Jahrhundert nach Nordamerika und Europa ausgewandert.

Mit freundlicher Genehmigung: (c) Der Patriot, 26.02.2020

Getagged mit: ,